Reinhold Messner.

In meiner Jugend war Reinhold Messner für mich gänzlich unbekannt. Tatsächlich sollte ich das erste Mal mit Reinhold Messner in Kontakt treten, durch ein Album des Künstlers Helge Schneider.
Unter dem Titel „Das alte Reinhold-Helge-Spiel“ erzählte er von einem gemeinsamen Trip mit Bergsteiger Reinhold Messner.

Reinhold Messner Portrait
Reinhold Messner

Erst später, in einer Zeit in der ich mich wirklich für Allgemeinwissen und Personen des öffentlichen Lebens interessierte, wurde mir Reinhold Messner erst wirklich ein Begriff. Einige Jahre später sollte es soweit sein. Ich frug im Büro von Herrn Messner an, ob ich diesen im Rahmen eines Projekts portraitieren dürfe. Im Rahmen seiner Tour sollte er auch Halt in meiner Stadt Koblenz machen. Das Office von Messner war wirklich sehr freundlich und hat den Kontakt zum Tourmanager von Reinhold Messner hergestellt. Alles war klar. Ich habe mich auf Tag, Uhrzeit und Setting eingestellt und habe ein paar Tage vorher noch einmal versucht Kontakt zum Tourmanager aufzunehmen. Leider ohne Erfolg.

Am Tag X stand ich vor der Rhein-Mosel-Halle in Koblenz und begehrte um Einlass. Ich stand dort mit meinem ganzen Gedöns und wurde nicht hereingelassen. Keiner wusste etwas von einem Termin zwischen Herrn Messner und mir. Etwas desillusioniert habe ich den Rückzug angetreten.

Als ein paar Tage ins Land gegangen sind, erhielt ich eine ganz nette Email und man entschuldigte sich dafür, dass es leider nicht funktioniert habe. Man hat mir angeboten Herrn Messner in diversen anderen Städten fotografieren zu dürfen. Meine Wahl viel auf Würzburg. Zum einen war ich beruflich schon oft in Würzburg und kannte mich gerade im Congresszentrum sehr gut aus und zum anderen mag ich die Stadt einfach sehr.

230 km eine Strecke. Wie so oft sollte die Entfernung zum Geschehen noch für ein bisschen Zündstoff sorgen. Aber eins nach dem anderen.
Diesen Termin wollte ich nicht alleine machen. Nicht wenn ich auf halbwegs unbekannten Terrain bin und nur so wenig Zeit habe. Öffentlich hab ich einen Assistentenjob ausgeschrieben und hatte auch einige Rückmeldungen. Viel gab es nicht zu tun. Taschen tragen und Licht mittels Boomarm auf Messner richten. Präzise Vorstellung für drei verschiedene Settings existierten. Bereits im Vorfeld habe ich darauf hingewiesen, dass dies eine Sache von drei Minuten wird und wir dafür mehrere Stunden im Auto unterwegs sein werden.

Ein paar Tage vor meinen Terminen vergewissere ich mich noch einmal bei meinen Assistenten, ob alles klar sei, Fragen bestehen würden etc. Was bin ich froh, dass ich dies im Vorfeld noch einmal getan habe. Es entwickelte sich daher knapp 24 Stunden vor Termin eine kurzfristige Absage. Soviel Aufriss für so „wenig Termin“. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich schockiert darüber bin, dass es Leute gibt, die gar keinen Ehrgeiz mehr haben. Natürlich sind das ein paar Kilometer, natürlich investiert man Zeit….und natürlich steht der Aufwand mit dem Ergebnis in keiner Relation. Oder vielleicht doch? Ich hätte mir zu meiner Anfangszeit den Arsch aufgerissen, nur um an einen solchen Assijob zu kommen. Besonders wenn dieser noch bezahlt werden würde. Aber auch wenn nicht. Kohle spielt da keine Rolle. Ich will was lernen. Auch heute noch bin ich froh über solche Möglichkeiten, wenn ich selber irgendwo assistieren kann, weil es immer sinnvoll ist, anderen Input zu bekommen. Aber genug davon. Ich musste mir also was anderes einfallen lassen.

Ich frug meinen Vater. Mein Vater ist seit Anfang 2019 in Rente. Nicht ganz, aber weitestgehend. Also hat er Zeit und ihm fällt die Decke auf den Kopf. Gerade in der kalten Jahreszeit beschleicht ihn immer so ein seltsamer Langeweileblues. Er hat sofort zugesagt und so musste ich ihm irgendwie zeigen, was ich will, wie der Generator funktioniert und ganz grob, wie sich Licht überhaupt verhält. So stand ich dann im 25 qm Wohnzimmer meiner Eltern, mit der niedrigsten Decke der Welt. Leica auf dem Tisch, der Generator, ein Beauty Dish und ein kleiner Reflektor mit Wabe. Meine Mutter musste als Lichtmodel herhalten. Ich hab ihm gezeigt, welches Licht ich wann brauche und wie er dies umsetzt. Soweit so gut.

Keine 24 Stunden später saßen wir im Auto. Wir sind extrem früh losgefahren und kamen sehr gut durch. Koblenz-Würzburg kann eine tückische Strecke sein. Was sind schon 230 km. Aber die Strecke ist bekannt für Stau ohne Ende. Gott sei Dank nicht heute. Wir haben in der Tiefgarage des Congresscentrums Würzburg geparkt und beschlossen noch etwas zu essen. Wir sind in einem Burgerladen abgestiegen, in welchen man sich von äußerer Betrachtung eigentlich nicht hineingewagt hätte. Innen drin? Super! Geiler Laden, nettes Klientel und noch nettere Bedienungen. Ich hatte irgendwie keine Ruhe. Ich musste die ganze Zeit darüber nachdenken, was ich mit Herrn Messner anstellen möchte und habe mir ausgemalt, wie er agiert.

Wir gingen also zurück zum Auto. Der Bauch war voll, aber von Trägheit keine Spur. Wir holten das Equipment aus dem Auto und gingen hoch zur Location. Vereinbart war, dass ich mich telefonisch beim Tourmanager melde, wenn wir da sind. Wir standen ganz einsam in einer großen Vorhalle, ich nahm das Handy in die Hand und klingelte den Tourmanager an. Es klingelte aber nicht, es sprang sofort die Mailbox an. Ich habe ihm auf die Mailbox gesprochen. Ich wurde extrem nervös. Sollte sich der Vorfall Koblenz wiederholen? Bin ich die ganzen Kilometer umsonst gefahren? Mehrere Versuche später suchte ich Leute, die möglicherweise weiterhelfen können. Ohne Erfolg. Dann fiel mir ein Mann auf, der in der gleichen Vorhalle in einer Art Glaskasten saß. Diesen habe ich angesprochen. Gott sei Dank. Es war tatsächlich der Tourmanager. Und er saß nicht nur in einem Glaskasten, sondern auch im Funkloch. Er führte uns die Treppe hoch und bat uns noch ein paar Minuten zu warten. Reinhold Messner würde pünktlich zum Termin kommen. Ich machte schon einmal die Kamera fertig, der Generator wurde weitestgehend eingestellt und hier merkte ich, dass auch mein Vater immer nervöser wurde.

Nach wenigen Minuten kam Reinhold Messner völlig entspannt zum Termin. Wir unterhielten uns kurz. Los! Action! Dachte ich. Der kleine Reflektor auf der Blitzlampe. Mein Vater stand neben Messner und hielt das Licht auf Messner. Doch wo war das Licht? Nicht da wo es sein sollte. Ich wurde nervös. Sah aber auch, dass mein Vater nervös war und seine Hände zitterten. Ich habe eine Eigenschaft, die er scheinbar nicht hat. Mir machen Menschen, erfolgreiche Menschen, Menschen die bekannt sind, keine Angst. Ich werde nicht nervös. Ich mag den Umgang. Ich mag es, mit den Menschen genauso umzugehen, wie ich es auch mit meinem Vater machen würde. 1, 2 mal habe ich versucht meinen Vater zu korrigieren, merkte aber, dass das nicht ganz funktioniert. Ich habe in der Einstellung genau drei Fotos machen. Ich checkte die Aufnahmen auf der Kamera und sah, dass man damit definitiv arbeiten konnte. Ich habe noch zwei Fotos im Saal ohne Blitz von Herrn Messner geschossen, musste aber feststellen, dass diese Aufnahmen einfach gar nicht zu den Bildern mit Blitz passen würden.

So bekam meine Bildbearbeiterin aus Hamburg, Nannette Römer von GRAUROT, genau zwei Bilder zur weiteren Bearbeitung zugesandt. Beide Bilder waren grandios. Letztendlich haben wir aber leider nur die Freigabe für eines dieser Fotos erhalten.

460 km. Grob 7 Stunden Aufwand. 1 Bild. War es das wirklich wert? Ja. Jeder einzelne Kilometer. Denn, ich habe DIESES Bild. Und dafür hätte ich noch viel mehr in Kauf genommen. Dazu konnte ich Zeit mit meinem Vater verbringen. Nicht zwischen Tür und Angel. Sondern Seite an Seite, 460 Kilometer. 7 Stunden am Stück.
Nur wir Beide.