*27. November 1983 † 01. Oktober 2021

Ich habe mich lange gefragt, wie diese Person ihren eigenen Tod wohl beschrieben hätte. Wenn jemand gegen den Strom schwamm, war es wohl Michael Schiffner, besser bekannt als Johnny Mutante. Seit Tagen sitze ich immer wieder vor diesem Text. Immer wieder starre ich auf die Überschrift. Zuerst stand dort „Hurra. Der Mutant ist tot. Es lebe der Johnny.“. Immer wieder denke ich, dass geht nicht. Das kann ich nicht so online setzen. Das ist einfach drüber. Aber ist es nicht genau das? War er nicht genau so? Gewagt? Grenzüberschreitend? Ich verwette meinen Hintern darauf, dass der Johnny keinen Deal aus seinem eigenen Tod gemacht hätte. Shit happens, wa. So ungefähr vielleicht. Ich möchte hier ein paar Zeilen schreiben, besonders an die Menschen die ihn kannten, denen ich erzählen möchte, wie ich ihn erlebt habe. Vielleicht sogar anders. Ich weiß es nicht.

Johnny Mutante war für mich nicht greifbar. Sein Format Mutante Television war mir ein Begriff und ich habe über seine Beiträge versucht, mir ein Bild von der Person zu machen, die hinter diesem Pseudonym steckte. Kaum jemand kannte seinen tatsächlichen Namen, auch ich nicht zum Zeitpunkt des Kennenlernens. Ganz besonders spannend machte sich Mutante mit seinem Interviewformat, in welchem er auch unter anderem Marlon Reinhardt aber auch Torsun von EGOTRONIC interviewte. Seine sehr offene und direkte Art Gespräche zu führen machte mich neugierig auf ihn. So lud ich ihn kurzerhand zum Interview ein, für den Podcast „RUND UMS ECK“. Ein Podcast, welchen ich zusammen mit Alexandra Klöckner und Stephan Mahlow betreibe.

Am Tag des Interviews war ich ein bisschen angespannt, weil ich nicht wusste, wer oder was da auf mich eigentlich zukam. Johnny war bereits zu spät und ich hatte nichts von ihm gehört. Als ich auf die Uhr blickte und mir dachte, dass das ein Reinfall wird, fuhr ein Roller an meinem Büro vorbei. Ich sagte zu Kevin, welcher mir bei den Fotos etwas helfen sollte, dass „der Typ“ sicher nicht mehr aufkreuzt und wir eigentlich wieder alles einpacken könnten. Der Roller fuhr erneut am Büro vorbei und ich erkannte, dass es sich um Johnny Mutante handelte. Johnny grinste, trat ins Büro ein. Er blickte Kevin und mich an, wie wir beide ordnungsgemäß auf Abstand und mit Masken ihn adrett empfingen und blökte direkt los: „Also ich stelle mich ja grundsätzlich gegen das System und staatliche Strukturen find ich scheisse! Masken ziehe ich nicht an!“.

Etwas überfordert lies ich ihn gewähren und zwang ihn nicht, eine Maske anzuziehen. Klar. Ich weiß jetzt was der eine oder andere denkt „UNVERANTWORTLICH“. Aber ich hab meinen Teil des Schutzes getan und dachte nur noch an die Aufnahme, die ich unbedingt mit ihm ausführen wollte. Er war etwas im Zeitdruck, wirkte rastlos.

Wir begannen mit den Fotos. Ich hatte keinen wirklichen Plan was ich tun wollte. Das einzige was ich wollte war, dass er ein bisschen seine Fassade fallen lässt. Der coole, geheimnisvolle HipHop-Onkel, der als Johnny Mutante eine Dauerrolle spielt, ihn genau für wenige Sekunden aus dieser herauszuholen. So hab ich einfach ein paar Bilder gemacht von ihm. Mitten in den Raum gestellt, mich mit ihm unterhalten und einfach abgedrückt. Das Fotografieren war ihm ziemlich unangenehm. Er mochte es nicht, hatte ich das Gefühl. Nach wenigen Minuten aber entspannte er sichtlich. Fing ständig an zu lachen und hatte wirklich Spaß.

Wir haben dann das Aufnahmegerät ausgepackt und haben angefangen die Episode für den Podcast aufzunehmen. Knapp zwei Stunden haben wir miteinander gesprochen und seine geistigen Höhenflüge haben mich stellenweise sehr überrascht. Seine vorhandene Weitsicht und auch die Sensibilität die er unter Beweis stellte, gingen über das hinaus, was ich ihm zugetraut habe.

Ärgerlich war, dass ich nach der Aufnahme feststellen musste, dass das Aufnahmegerät irgendwann ausgegangen sein muss. Die Batterien waren leer und mir ist es nicht aufgefallen. Ich war so auf das Gespräch konzentriert, dass alles andere egal war. Von zwei Stunden Gespräch, waren noch knapp 45 Minuten vorhanden. Den besten Input gab es natürlich erst danach.

Ich habe ihn irgendwann gefragt, wenn er 10 Fragen, egal welche, an unseren Oberbürgermeister David Langner stellen dürfte, welche das sein würden. Ich kann seine Antworten nicht mehr wiedergeben. Er begann aber jede einzelne Frage mit „Ey Dave!“. Ich musste in dem Moment schmunzeln, aber tatsächlich waren da einige Fragen dabei, die ich sehr gerne von unserem OB beantwortet gewusst hätte. Ich sagte ihm noch, dass ich, wenn ich die Episode veröffentliche, ich auch den Oberbürgermeister markieren werde. Eventuell könnte man ja tatsächlich ihn und David Langner auf ein Gespräch an einen Tisch zusammenbringen.

Wir waren uns einig, dass wir diese Aufnahme unbedingt wiederholen müssen. Quasi einen zweiten Teil produzieren. Dazu sollte es allerdings nicht kommen. Am 01.10.2021 verstarb Johnny Mutante, Jonathan Mugler, Faust vom Mittelrhein, bürgerlich bekannt als Michael Schiffner.

Koblenz hat einen Kreativen verloren. Einen Menschen, der unglaublich Vielen da Draußen ein Lächeln auf die Lippen brachte. Johnny! Ich bin dankbar Dich kennengelernt zu haben.